Die Wut, der Schmerz und was das eine mit dem anderen zu tun hat!

Was länge gärt, wird endlich Wut! (Sprichwort)

Manche Menschen in meinem Umfeld lösen in mir starke emotionelle Reaktionen aus: Wut. Darunter auch Personen aus dem engsten Familienkreis, aber auch Bekannte, Kolleg*innen oder Fremde in der Strassenbahn. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie überschreiten meine Grenzen oder die von anderen. Sie agieren rücksichtslos und entwerten andere, darunter auch mich. Ein ähnliches Phänomen beobachte ich bei Schülern, die sich auffällig unangepasst verhalten und meine Autorität als Lehrerin zu untergraben versuchen. Auch sie ernten dieses Gefühl. Die Wut überkommt mich, sie steigt in mir hoch, nimmt Besitz von mir. Ich spüre sie, wie sie meine Adern zum Kochen bringt. Ich versuche sie noch abzuwehren, aber sie schäumt über wie kochende Milch, die man nicht rechtzeitig von der Herdplatte zieht. Und dann – ohne dass ich es noch verhindern kann – fliegen giftige Pfeilspitzen aus meinem Mund, die nichts anderes im Sinn haben, als den Auslöser der Wut dort zu treffen, wo er unschädlich gemacht wird. Wie du mir – so ich dir. Eine wahrhaft kindische Haltung. Ich bin nicht stolz darauf. Ist mein Gemüt abgekühlt, nehme ich mir jedes Mal wieder vor, nächstes Mal nicht mehr so scharf zu schießen. Ruhig zu bleiben. Mich nicht mehr zu ärgern. Und doch passiert es immer wieder.

Ich frage mich? Was ist los mit mir? Ist das normal? Manchmal habe ich das Gefühl, etwas in mir will heraus. Will sich befreien. In einer ruhigen Minute blicke ich tiefer hinab. Ich seile mich innerlich ab in eine große, dunkle Höhle. Dort, am Grund, finde ich einen Drachen, der verwundet, blutend und verängstigt am Boden liegt und schwer atmet. Er kann sich nicht sehr bewegen vor Schmerz, aber aus seinen Nüstern kommen immer wieder kleine Flammen hervor. Sein Körper ist übersäht mit Dornen, die tief in seinem Fleisch stecken in den Zwischenräumen seiner panzerartigen Schuppen. Teilweise sind die Dornen schon mit ihm verwachsen, manche wirken sehr frisch. In seinen traurigen Augen erkenne ich, was er mir sagen möchte. Diese Verletzungen wurden ihm im Laufe seines Lebens zugefügt. Es sind Worte und Taten, die ihn verletzt haben und jetzt wie Stacheln seine Haut durchbohren. Manchmal passiert es, dass jemand auf eine dieser Dornen drückt. dann schreit er auf und speit Feuer. Das ist meine Wut. Alte Verletzungen, die nie verheilt sind und immer wieder aufgerissen werden.

Ich merke, diesem Wesen muss geholfen werden. Die Dornen müssen vorsichtig entfernt und die Wunden gereinigt werden. Eigentlich konnte der Drache einmal fliegen, aber die Verletzungen haben ihn flugunfähig gemacht. Er glaubt auch nicht mehr daran, dass er es kann. Zu lange hat er sich hier in dieser dunklen Höhle versteckt. Zurückgezogen hat er geglaubt, dass ihn sowieso keiner vermissen würde. Nur wenn er ganz laut brüllt und Feuer spuckt, dann merkt er, dass man ihn wahrnimmt. Aber anstatt zu ihm zu kommen, wurde der Eingang zur Höhle ständig kleiner gemacht, damit man ihn nicht mehr hören musste.

Aber jetzt wird alles gut. Ich nehme den Drachen mit an die Oberfläche und sehe mir seine Verletzungen bei Tageslicht genau und geduldig an. Auch wenn es ihm weh tut, wenn man die Dornen aus dem Fleisch zieht und er dabei viel weinen muss, ich bin behutsam und umsichtig. Liebevoll verbinde ich die Wunden mit all meiner Liebe und Zärtlichkeit. Lange halte ich den Drachen im Arm und tröste ihn. Manchmal weinen wir gemeinsam. Aber es ist gut, dass er an der Luft ist, im Tageslicht, wo ich alles genau inspizieren kann. Ich erkenne viele alte Dinge wieder, von denen ich glaubte, sie vergessen zu haben. Aber es ist mehr als bloßes Erinnern. Es ist ein heilsames Loslassen.

Es geht ihm jetzt schon viel besser und seine Flügel fangen auch schon wieder an sich zu bewegen. Viele der alten Wunden sind verheilt und wenn ich mit dem Finger darüberstreiche, hebt er zwar den Kopf, um hinzusehen, aber er fühlt keinen Schmerz mehr dabei. Es ist eher ein wissendes Nicken. Ja, da war mal was. Nein, tut nicht mehr weh. Kein Geschrei mehr nötig. Fast lächelt er dabei.

Ich kenne ihn jetzt schon sehr gut. Er ist ein mächtiges Geschöpf mit viel Kraft und Mut. Er trägt mich immer öfter auf seinen Schultern und manchmal wagen wir einen kurzen Flug in Sphären, von denen ich vorher nie zu träumen gewagt hätte. Ich verspüre mit ihm ein Freiheit, die mir erlaubt, zu tun, was ich für richtig halte. Vieles hat sich seitdem verändert. Und die Wut? Die darf sein, wenn sie ihre Berechtigung hat. Aber sie kommt immer seltener vorbei!