Damit die Selbstfürsorge nicht ins Leere geht!

In Zeiten wie diesen, die uns sehr viel abverlangen, ist es wichtig, dass wir gut für uns sorgen. Warum das alleine manchmal trotzdem nicht hilft und welche magische Zutat du wirklich brauchst, damit es dir gut geht, erfährst du hier!

Selbstfürsorge, oder „Selfcare“ – wie es so trendy im Englischen heißt, ist gerade sehr in Mode. Selfcare, das ist wichtig, damit wir uns gut fühlen. Damit wir in Balance sind. Damit wir gesund und munter bleiben. Damit wir glücklich sein können.  Und tatsächlich ist es enorm wichtig, dass wir uns gut um uns kümmern. Gerade in Zeiten wie diesen…

Schaut man sich auf diversen Internet-Foren um, so kommen einem immer wieder dieselben Tipps und Tricks unter und viele beziehen sich auf den körperlichen Aspekt: Ernährung, Bewegung, Schlaf, Atmen. Sicher, alles schön und gut, gehört alles dazu, das alles kann und soll ich machen. Und trotzdem kann es sein, dass sich kein Glücksgefühl einstellt. Kann auch sein, dass wir trotzdem ein Magengeschwür bekommen und es kann auch sein, dass wir ab und zu scheinbar grundlos traurig sind. Obwohl wir brav power-walken, 16/8-essen betreiben und 24/7 schnaufen.

Man gewinnt irgendwie den Eindruck, es geht mal wieder nur um Selbstoptimierung. Und das „wozu“ scheint einem unter Umständen mehr als fragwürdig zu sein, wenn es doch nur dazu dient, die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern – damit man im Beruf mehr leisten kann und daheim natürlich auch. Dass man dabei gut aussehen soll, versteht sich von selbst. Gesund-sein ist natürlich auch deswegen wichtig, damit die Krankenversicherungen entlastet werden. Deswegen bieten ja die Versicherungen die ausgeklügeltsten Gesundheitspakete an.

Vielleicht ist das jetzt ein wenig überzeichnet und sicher finden sich auch wirklich seriöse und gut gemeinte Angebote im Netz. Aber was ich wirklich kaum sehe, ist die Frage, wie das Leben wirklich gelingen kann. Wie man in 6 Wochen glücklich wird, versprechen einem viele. Aber auch hier vertraue ich den Versprechen nicht, weil meines Erachtens immer ein wesentlicher Anteil fehlt: die Basis für Selbstfürsorge, die Basis für Gelassenheit und für ein geglücktes Leben:

  1. Die Freundschaft mit sich selbst – und das ist mehr, als sich mit seiner Zellulite abzufinden…
  2. Die Akzeptanz der Tatsache, dass das Leben eben nicht nur aus „happy moments“ besteht.

Generell verschreckt mich der Happiness-Kult etwas, weil er uns einredet, wir hätten ein Recht darauf, jeden Tag happy zu sein. Und wenn ich mal nicht happy bin, dann habe ich was falsch gemacht. Das ist großer Unsinn. Man weiß heute aus der Neuroforschung, dass positives Denken ohne das passende verankerte Gefühl dazu nicht nur nichts bringt, sondern auch unter Umständen gar nicht ungefährlich sein kann.

Ein Beispiel:

Ich denke jeden Tag zig-mal den Gedanken: „Ich mag mich, wie ich bin.“ Und gleichzeitig weiß mein Unterbewusstsein, dass das überhaupt nicht stimmt. Weil nämlich aus meinem Handeln mir selber gegenüber überhaupt nichts darauf schließen lässt, dass ich mich mag. Weil ich vielleicht täglich eine Schachtel Zigaretten rauche und auf meine wahren Bedürfnisse überhaupt nicht achte. Weil ich meine Bedürfnisse gar nicht kenne. Denn dafür müsste ich mir mal wirklich zuhören und hin spüren, was ich tatsächlich brauche. Stattdessen dröhne ich mich mit Süßigkeiten zu, oder (noch schlimmer) mit Alkohol, betäube meine innere Stimme mit Netflix und Co., dafür sitze ich aber brav im Lotussitz auf der hippen Yogamatte und „Om-me“ mich in den geistigen Halbschlaf. Weil Meditation ist ja sooo in. Aber leider, leider, auch dahinter steckt eine Haltung, eine Lebenseinstellung und ohne die ist auch dieses Ritual hohl und leer.

Das Unterbewusstsein fühlt sich verarscht, wenn wir das eine Mantra-artig beten und tun und das Gegenteil davon meinen und fühlen. Das nennt man den „mind-behaviour-gap“, die Schere zwischen denken, fühlen und tun. Und dann stellt sich nur eines ein: Frust. Und der kommt besonders dann, wenn es uns nicht gut geht. In Sonnenstunden kann ich mir das gerne vorlügen und meine wahrscheinlich auch, dass das stimmt, aber in schlechten Zeiten hilft mir das Nüsse, wenn der Satz, den ich mir immer und immer wieder vorbete, eigentlich für mich nicht stimmt. Aber das sagen einem die Ratschläge bei Pinterest natürlich nicht. Genau so wenig tut es mir gut, wenn ich vor lauter „Gesundheitswahn“ nur Körner esse und ich Körner in dieser Form eigentlich nicht mag, sie aber trotzdem täglich tapfer hinunterwürge.

Wenn ich also brav alle Ratschläge befolge, weil es gerade im Trend liegt, dass man auf sich achtet und ich auch so gerne auf dieser Welle mit schwimmen will, weil ich dazu gehören will zu den schönen, glücklichen und erfolgreichen, dann wird mich irgendwann das Gefühl beschleichen, dass etwas nicht stimmt mit mir, weil ich doch alles richtig mache und mich trotzdem weder schön noch glücklich empfinde.

Hm? Woran kann das bloß liegen?

Vielleicht liegt die Antwort in etwas ganz Banalem: Mein Motiv! Das Warum!

Mache ich es für mich? Weil ich mich wertschätze und davon überzeugt bin, dass ich ein wertvoller Mensch bin, einer, mit dem ich befreundet bin, auf den ich achte und den ich umsorge, weil ich ihn liebe? Oder damit ich von außen, von anderen die Bestätigung erhalte, was für eine tolle Person ich doch bin.

Apropos Person: das kommt vom lateinischen „personare“. Per-sonare heißt so viel wie „durchtönen“ und kommt aus der Antike. Dort wurde im Theater mit Masken gespielt, die die Schauspieler aufhatten. Durch diese Maske hörte man die Stimmen hindurch, aber man sah nur die Maske, nicht den Menschen dahinter. Und so ist das auch heute noch, wenn wir nicht für uns selbst stehen, sondern uns hinter Masken verstecken, z.B. die Maske der Selbstfürsorge, damit wir gut dastehen, damit wir auch so toll sind wie die, die uns in den Medien aufgetischt werden, die fotogeshoppten Superfrauen und Supermänner, die jederzeit alles auf die Reihe kriegen, weil sie joggen, meditieren und low-carb essen.

Alles auf die Reihe kriegen, aber nicht nur irgendwie dahinwurschteln, so dass es sich immer mal gerade so ausgeht. Sondern gelassen und entspannt die Oberhand behalten im täglichen Tun. Das wünschen sich viele.

Gelassenheit ist eine Königsdisziplin. Die kann man bis zu einem gewissen Grad lernen. Aber dazu braucht es eine magische Zutat: Das ehrliche Bedürfnis, mit sich befreundet zu sein. Sich selbst als wertvollen und liebenswerten Menschen anzunehmen, mit Stärken UND Schwächen, weil nobody’s perfect! Das bedeutet, sich ernsthaft um sich selbst zu kümmern. Weil man es sich wert ist und weil man sich sorgt um sein eigenes Wohlbefinden. Das ist die Basis aller Selbstfürsorge. Und eines ist klar: Das fällt einem nicht in den Schoß. Denn es gibt Gründe, warum man sich tief im Inneren ablehnt. Und die wollen angeschaut werden. Die haben ihre Ursache mit ziemlicher Sicherheit in der Kindheit. Dort passierten nämlich die meisten seelischen Verletzungen, die unseren Selbstwert betreffen. Und dort hinzuschauen tut weh. Und erfordert viel Mut und Tapferkeit. Aber dann kann auch etwas heilen, etwas versöhnt werden. Dann kann ich erst erkennen, dass ich so, wie ich bin, ok bin. Vielleicht sogar richtig gut! Und liebenswert! Und einmalig! Und wenn ich das erkannt habe, dann können sich auch zarte Bande der Freundschaft oder sogar der Liebe zu mir selbst aufbauen.

Und wenn ich mich aus tiefstem Herzen mit mir, meiner Vergangenheit und den Umständen ausgesöhnt habe und mich wirklich ehrlich annehmen kann, so, wie ich auch andere schätze, die mir lieb sind, dann kann die Selbstfürsorge beginnen, die mir wirklich etwas bringt. Dann wird es mir ein Bedürfnis sein, gut auf mich acht zu geben, denn dann möchte ich in Würde alt werden. Dann werde ich mich darauf freuen können, was das Leben noch so mit mir vorhat! Denn dann bin wirklich gerne mit mir zusammen. Und ich werde auf meine Fähigkeiten vertrauen, jene Schritte zu setzen, die mich in ein gelungenes, freudvolles und selbstbestimmtes Leben führen!