Neujahrsgedanken

"Etwas Kostbares geht verloren, wenn wir voll in den Details des Lebens aufgehen, ohne einen Moment still zu halten und das Geheimnis des Lebens und das Geschenk des Tages zu ehren." (Kent Nerburn)

Manche Geschenke, die wir bekommen sind zuerst einmal eine Zumutung.

Weihnachten ging vorüber, Silvester ist auch vorbei und vom Jänner haben wir beinah die Hälfte auch schon wieder hinter uns. Dicht waren die letzten drei Wochen. Viele gefeiert bei all den Einladungen! Es wurde geredet, gelacht und gestritten, so wie es sich für eine echte Familie gehört. Und natürlich auch versöhnt, auch das gehört dazu. Es wurde viel geschenkt und erhalten. Eingepackt und ausgepackt. Und geschmaust. Manchmal hatten die Festlichkeiten den Charakter einer Mastkur. Und ich fühlte mich immer mehr wie ein … . Jaja, das niedliche Rosafarbene.

Und dann kam Bischofshofen. Vierschanzen-Springen. Ein Geschenk für meine Mutter. Der Tag – ein wunder Punkt. Kalt, laut, lange und letztlich schmerzhaft. Zuerst langes Aushalten-müssen (müssen??) von hirnlosem Geplapper aus der Reihe hinter uns. Hundert Mal wollte ich den Platz wechseln. Nicht auf den Bauch gehört. Dafür wurde das Nervenkostüm immer dünner. Das ist das Blöde am Hören. Die Augen kann man zumachen, die Ohren nicht. Man muss mithören. Als die Spannung am Höhepunkt ist – der finale Springer segelt Richtung Ziel – alle springen von ihren Sitzen, da passiert es. Ein Rempler von hinten, weil der Alko-fix hinter mir das Gleichgewicht verlor und ich stürzte beinah von der Tribüne. Das brachte das Fass zum Überlaufen und die Emotionen eskalierten – beinah. Wir genervt, die hinter uns sturzbetrunken. OHWEH. Hässliche Dinge wurden gesagt. Auch zu mir. Es hat weh getan.

„Hoit die Goschn‘, du fette Sau!“

Aua. Die Luft war raus und die Stimme weg. Alles gesagt. Nochmal Aua. Wut, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Rachegefühle. Willkommen im Gefühlskarussell! Das war eine lange Heimfahrt in bedrückendem Schweigen. Was ein schöner Tag hätte werden sollen, endete im Chaos der Fassungslosigkeit.

Dann: eine üble Ahnung. Man spürt sie, aber man (Frau) will sie nicht. Nicht hinsehen. Es tut weh, wenn man der bitteren Wahrheit zu nahe kommt, obwohl es fast unumgänglich ist. Überhaupt für jemanden wie mich, die beinah alles reflektiert. Frau traut sich kaum, den Gedanken zu Ende zu denken. Aber er wird immer lauter:

Was hat das alles mit mir zu tun?!? Was soll mir dieses Erlebnis sagten? Was muss, was darf ich daraus lernen? Und überhaupt – wenn meine Umwelt mein Spiegel ist (und davon bin ich fest überzeugt), was sehe ich also in diesem Spiegel?

Und auf einmal war sie da, die Einsicht, dass der junge Mann etwas ausgesprochen hat, das sehr viel damit zu tun hat, wie ich auf mich blickte. Nicht immer, aber doch immer wieder. Komisch nur, dass es so weh tut, viel mehr weh tut, wenn es ein anderer ausspricht. Ich bin schockiert über diese Einsicht. Es tut fast noch mehr weh, weil mir bewusst ist, wie grausam ich über mich richte. So will ich künftig nicht mehr mit mir umgehen. Großes Ehrenwort! Ich schäme mich dafür. Keine Faser meines Wesens hat sich das verdient, auch wenn ich nur aus Fett bestehe würde, was ich nicht tue.

Und auf einmal bin ich sogar dankbar für diese Lektion. Ich habe etwas sehr wichtiges gelernt: Sei lieb zu dir! Bist du es nicht, sind es die anderen auch nicht. So ein Geschenk muss man sich erarbeiten. Das ist besonders gut eingepackt und hat viele Schichten, die man zuerst einmal abtragen muss, bevor sich das Geschenk zeigt.

Und plötzlich passieren mir die wunderbarsten Dinge. Bei einem Diskussionsabend zum Thema „Frauen/Männerspiritualität“ kommt jemand auf mich zu und sagt mir ins Gesicht: „Ich erkenne das Göttliche in dir!“ Wow. Das geht runter wie Öl! Ja, auch das ist eine Seite von mir, auch ich weiß um das Göttliche in mir, darum können es andere auch erkennen. Es tut so gut!

Die Frauenbeauftragte erzählt von einer Ausbildung zur Clownin. Bei Clown habe ich immer ein komisches Gefühl. Eigentlich mag ich sie nicht. Am Abend lese ich in einem Magazin einen Bericht von einer Frau, die so ein Clownin-Seminar besucht hat. Ich lese Worte wie „staunen“, „wertfrei“, „naiv“ und „neu“ und in mir beginnt es zu hüpfen. Als ob mein inneres Kind in mir herumspringt und in die Hände klatscht, weil ihr das Bild so gut gefällt. Dinge werden entschärft, humorisiert, aber nicht entwertet. Ich sehe mich mit einer roten Nase herumspazieren und die Welt neu entdecken – wie ein unschuldiges Kind. Es scheint mir zu liegen, denn ich kann es mir gut vorstellen. Ich überlege, wie ich Bischofshofen entschärfen könnte. Und schon sehe ich mich mit erstaunten Augen vor dem Betrunkenen stehen, mit Clown-Nase und höre die Worte „Hoit die Goschn‘, fette Sau!“ plötzlich neu und – vor allem – ganz anders. Ein Bild von mir entsteht und es sieht super-süß aus: Ein niedliches dickes Marzipanschweinchen, das mit einem seiner Stummelärmchen einen Zuckermund in der Pfote hält. Ich habe es aufgezeichnet. Und viel geschmunzelt dabei! Und auf einmal ist es keine Beleidigung mehr, sondern einfach nur komisch. Mit so einem süßen Schweinchen habe ich absolut kein Problem!

Vor allem: So ein Schwein verschenken wir jedes Jahr als Glücksbringer! Also auch ein Geschenk…!