Von Motivations- und anderen Krisen – oder was uns gelegentlich sonst so auf Trab hält!

Während meiner Studienzeit hatte ich immer wieder mit Motivations- und Sinnkrisen zu kämpfen. Einmal war es besonders schlimm. Was an jenem Tag passiert ist, erfährt Ihr hier!

Ich saß auf der Couch und spürte einen starken Schmerz in meinem Nacken.  Es war Montagvormittag und ich war allein zuhause. Nachdem ich schon einige Zeit durch die Wohnung getigert war und mich nicht entschließen konnte, etwas zu tun, setzte ich mich auf die Couch. Ich lehnte meinen Kopf hinten an die Lehne, eigentlich zur Entlastung, aber sogleich wurde der Schmerz noch schlimmer. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass Schmerzen einem etwas sagen wollen. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf den Schmerz. Es war, als ob jemand seine Hände von hinten auf meine Schultern legte und fest zudrückte. Ich betrachtete die Hände. Es waren knochige Hände. Im Geiste legte ich meine Hände auf die knochigen, so als wollte ich durch liebevolles Händeauflegen die Knochenhände dazu zu bewegen, den schraubstockartigen Druck nachzulassen. Da Hände meist zu einer Person gehören, drehte ich mich um, um zu sehen, wem diese Knochenhände wohl gehörten. Hinter mir schwebte eine dunkelgraue Gestalt, ein Wesen, wie sie auch bei den Harry Potter Filmen vorkommt.  Ja, es sah irgendwie so ähnlich aus wie ein Totesser. Zögerlich sprach ich es an.

„Hallo?“ sagte ich.

Das Wesen merkte plötzlich, dass ich mich ihm zugewandt hatte und es ansprach. Obwohl es nichts sagte, merkte ich seine Verwunderung.

„Hi!“ versuchte ich es aufs Neue. „Entschuldige bitte, wäre es möglich, nicht so fest zuzudrücken?“

Das Wesen schüttelte den nicht vorhandenen Kopf.

„Ach“, sagte ich. „Schade. Es tut schon ziemlich weh. Ich hätte da eine Frage: Gibt es einen Grund, warum du so fest zudrückst?“

Das Wesen nickte. „Aha“, murmelte ich, „so was hab ich mir schon gedacht.  Darf ich wissen, wer du bist?“

Das graue Etwas fing nun an zu sprechen.

„Ich bin ein uraltes Wesen. Mich gibt es schon sehr lange.“

Naja, dachte ich, recht frisch siehst du ja nicht gerade aus.

Es sprach weiter: „Ich bestehe aus unangenehmen Gefühlen, Schuldgefühlen genauer gesagt, die jede Generation der nächsten weitergibt.“

Das war ja mal interessant. Plötzlich ergaben die Schmerzen auch Sinn.

„Und hast du einen Namen?“

„Ich bin das schlechte Gewissen.“

Cool dachte ich. So jemanden lernt man ja auch nicht jeden Tag kennen.

„Und“, meinte ich weiter „denkst du, es wäre möglich, dass wir beide uns ein wenig unterhalten könnten, ich meine jetzt, wo wir uns gerade so schön kennenlernen?“

Das schlechte Gewissen zuckte dort, wo normal die Schultern sitzen und lockerte ein wenig seinen Druck.

„Wie wär’s“, fragte ich „setzten wir uns einen Augenblick, es redet sich viel leichter im sitzen. Du kannst ja nachher wieder weiter die Daumenschrauben anlegen…“

Das schlechte Gewissen lies ab von mir und schwebte neben mich auf die Couch.

„So etwas ist mir auch noch nie passiert, dass mich jemand um ein Gespräch gebeten hat!“

„Ehrlich?“ fragte ich begeistert. Sofort hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

„Also, worüber möchtest du sprechen?“

Ich überlegte. „Wo kommst du her?“ fragte ich

„Ich bin ein geschaffenes Wesen, gemacht von den Menschen. Wann immer sich jemand unter Druck fühlt, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen hat, es aber aus irgendeinem Grund nicht möglich ist, zu entsprechen, dann komme ich ins Spiel.“

„Wie kommt‘s?“ fragte ich.

„Menschen neigen dazu, anderen nahezuglegen, was sie ihrer Meinung nach tun oder lassen sollten, weil sie glauben, sie wüssten es besser. Andere neigen dazu, ihre Mitmenschen zu verzwecken oder zu missbrauchen für ihre Sache.“

Ich begriff nicht.

„Schau“, sagte es „wann immer eine Person eine andere zu etwas drängen möchte und merkt, dass eine einfache Bitte oder Aufforderung nicht reicht, wird er oder sie versuchen, den anderen davon zu überzeugen, dass es aber doch besser wäre, in eben dieser Sache tätig zu werden. Andernfalls wäre das ganz schlecht.“

Ungläubig erwiderte ich: „Ja aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass jemand ein schlechtes Gewissen hat, oder?“

„Nein“, meinte es „das nicht. Es kommt darauf an, wie sehr der andere vom Bittendenden oder Befehlenden abhängig ist. Je intensiver die Bindung, desto größer der Druck und desto fester wird mein Griff, wenn nicht entsprochen wird. Funktioniert prima!“ Freute sich das schlechte Gewissen.

Ich überlegte. Das schien mir einleuchtend. „Aber“, fragte ich weiter „was, wenn gar keiner da ist, um Druck zu machen und ich trotzdem ein schlechtes Gewissen habe?“

„Nun, es geht auch so. Wem jahrelang gesagt wurde, was er zu tun hat, der hört diese Stimmen auch dann, wenn gar keiner mehr da ist. Nur halt innerlich – im Kopf.“

Ich nickte. Das kannte ich nur zu gut. Sofort fiel mir die große Beule am Ende meiner Halswirbelsäule ein. Die hatte ich bestimmt auch vom festen Griff meines neuen Freundes mit den kalten Händen. So sehr ich mich auch bemühte, mich aufzurichten, der Buckel ging schon seit Jahren nicht mehr weg. Aha, dachte ich, es bewirkt, dass wir uns nach vorne beugen, also quasi verbeugen, so wie ein Diener, der macht auch alles, was ihm ein anderer anschafft.

„Dazu kommen die Erwartungen“, fuhr das Wesen fort „von denen man glaubt, ein anderer hätte sie. Egal, ob die eingebildet sind oder nicht, sie rufen mich unwillkürlich auf den Plan.“

Mir war schwindelig. „Puh!“, sagte ich „Allerhand… Aber nehmen wir zum Beispiel mich: Ich habe permanent ein schlechtes Gefühl wegen meines Studiums.  Warum?“

Es schlug die nebelschleierartigen Beine übereinander.

„Nun, weil du davon redest.“

„Hä?“ fragte ich.

„Ja, du erzählst doch pausenlos allen in deiner Umgebung, dass du fertig studieren möchtest, aber gleichzeitig ist dir bewusst, dass du eigentlich gar nichts tust für die Uni, also lerntechnisch.“

Das saß. Ja, stimmt. Ich konnte mich einfach nicht aufraffen, die Dinge anzugehen, die mich noch von meinem Abschluss trennten.

„Indem du allen davon erzählst, wirst du beobachtet. Man fragt dich, wie es vorangeht, ob du noch viele Prüfungen hast und wann du denn fertig wirst. Und du musst dich rechtfertigen. Niemand gesteht gern ein, dass er lieber faul rumliegt, anstatt auf die Uni zu fahren und zu lernen. Das wiederum bringt dich in eine Zwickmühle. Gestehen oder lügen? Und dann komm ich ins Spiel.“

Es stimmte alles. Ich war mir über meine missliche Lage durchaus bewusst.

„Warum hältst du nicht einfach deinen Mund?“ kam das schlechte Gewissen in Fahrt. „Ich meine, wenn du keinem etwas erzählst, bist du niemanden Rechenschaft schuldig.“

Sofort fielen mir die Worte von meinem Liebsten ein, der mich in Krisenzeiten immer daran erinnerte, dass ich wirklich niemanden Rechenschaft schuldete. Es waren beinah dieselben Worte.

„Jetzt habe ich mal eine Frage“, sagte das schlechte Gewissen. „Warum studierst du eigentlich noch? Was versprichst du dir davon?“

Ich überlegte. Perspektiven nachdem Abschluss vermutlich.

„Was denn für Perspektiven?“

„Na berufliche.“

Darf ich dich daran erinnern, dass du unter keinen Umständen im kirchlichen Kontext arbeiten möchtest?“

Hm. Eins zu null für ihn. „Lehrerin könnte ich werden!“ Unwillkürlich fielen mir meine traumatischen Erlebnisse in der Berufsschule ein, wo ich kurze Zeit als Vertretungslehrerin gearbeitet hatte. Keine schöne Erfahrung. Kurz danach wollte ich nie wieder irgendwo unterrichten. Was blieb also noch? Seelsorge?

„Ich möchte als spirituelle Begleiterin arbeiten“ fiel es mir ein. Das stimmte. Nichts in der Welt wollte ich mehr als das.

„Aber sag mal, dafür brauchst du doch gar kein Studium, das ist doch eine eigene Ausbildung, wenn ich mich nicht irre.“

Bingo! Dachte ich. Verdammt. Musste der Kerl immer recht haben?

„Also, was ist jetzt?“ drängte es mich. „Ich höre?“

Ich atmete tiefdurch. Ja, was ist jetzt wirklich, fragte ich mich selbst.

„Zumindest den Bachelor möchte ich noch machen“ sagte ich. Sogleich viel mir das Bild ein, das eine Studienkollegin kreiert hatte. „Ein Mascherl drum machen, um die Ausbildung“. Zumindest den Bachelor abschließen. Bei diesem Gedanken war ich gleichzeitig erleichtert und beschämt. Das Studium „nur“ mit dem Bachelor abzuschließen kam einer Kapitulation gleich.

„Ach“, sagte das schlechte Gewissen „warum quälst du dich so rum mit der Studiererei. Mach doch was deinen Begabungen entsprechend!“

„Ich habe keine besonderen Fähigkeiten“, grummelte ich und im selben Augenblick fühlte ich, wie sich meine geschlossenen Augen mit Tränen füllten.

„Gott hat mir keine besonderen Gaben geschenkt“ heulte ich los.

Das schlechte Gewissen fing sofort lauthals zu lachen an. Es schüttelte sich regelrecht.

„Hahaha, das ist ja der größte Witz, den ich je gehört habe!“ Es hielt sich regelrecht den Bauch, so es einen gehabt hätte.

„Aber, wenn es doch wahr ist. Ich kann nichts gut! Ehrlich!“

Das schlechte Gewissen kriegte sich wieder einigermaßen ein. „Aber du weißt doch, dass du was kannst.“

„Ach ja? Und bitte schön, was sollte das sein?“ fragte ich patzig.

„Na schreiben!“

Insgeheim hatte ich immer schon die Idee, einmal etwas zu schreiben. Mir fiel bloß nie ein, worüber ich hätte schreiben können.

Schreiben also. „Und was?“

„Na darüber!“ rief das schlechte Gewissen. „Schreib über uns! Über unser Gespräch!“

Ich überlegte. Dieser Dialog war sicher etwas Besonderes. Wer lernt schon mal sein schlechtes Gewissen persönlich kennen? Und man konnte gute Gespräche mit ihm führen. Es wusste tatsächlich sehr gut Bescheid über alles, vermutlich eine Frage der Erfahrung. Ihn kann man nicht belügen, dachte ich. Aber schreiben?

„Sag mal“, nahm es das Gespräch wieder auf „was wäre, wenn es eine gute Fee gäbe, die dir einen Wunsch erfüllt. Angenommen sie würde dir eine große schriftstellerische Karriere schenken, was würdest du tun?“

Aufstehen, mich zum Schreibtisch setzen und drauf los schreiben, dachte ich.

„Na dann, hop hop!“ rief das schlechte Gewissen.

„Aber, wenn mir unser Dialog nicht mehr einfällt?“

„Du schaffst das schon!“ ermutigte mich mein neuer Freund.

Und ich öffnete die Augen. Der Druck von meinen Schultern war beinah weg. Ich stand auf und ging zum Schreibtisch, öffnete den Laptop und begann zu schreiben.

„Danke“, sagte ich. „Werden wir uns jemals wiedersehen?“

„Bestimmt“, antwortet es und zwinkerte mir spürbar zu. „Spätestens beim nächsten Stück Schokolade…!“